Ölpreis
Venezuela sitzt zwar auf riesigen Ölreserven – doch ein großer Teil davon ist Schweröl. Für den Ölpreis zählt kurzfristig nicht „Öl im Boden“, sondern was sich wirtschaftlich fördern, exportieren und in passenden Raffinerien verarbeiten lässt.
Venezuela gilt als Rohstoff-Gigant: Nach Reserven gemessen sitzt das Land auf einem der größten Öl-Schätze der Welt. Doch an der Börse zählt nicht, wie viele Barrel theoretisch im Boden liegen – sondern wie viel Öl realistisch gefördert, verarbeitet und exportiert werden kann. Genau hier wird die Venezuela-Story komplex. Denn ein großer Teil der venezolanischen Reserven besteht aus Schweröl, und das ist weder „einfach so“ Benzin-tauglich noch überall auf der Welt problemlos raffinierbar.
Die Reservegröße kann kurzfristig Erwartungen bewegen, aber sie löst nicht automatisch eine Angebotswelle aus. Venezuela ist kein „Schalter“, den man umlegt und plötzlich fließt mehr Öl in den Weltmarkt. Selbst wenn politische Rahmenbedingungen günstiger werden, braucht es Zeit, Kapital und vor allem eine funktionierende Produktions- und Exportkette. Und bei Schweröl kommt noch etwas hinzu: Es ist technisch anspruchsvoller – in der Förderung und in der Weiterverarbeitung.
Schweröl ist zähflüssiger, oft „schwerer“ in der Qualität und enthält häufig mehr unerwünschte Bestandteile. Das hat Folgen:
Förderung: Aufwendiger, teurer, energieintensiver.
Transport: Häufig muss es verdünnt oder gemischt werden, damit es fließt und exportiert werden kann.
Raffinerie: Es liefert in einfachen Anlagen weniger von dem, was der Endkunde stark nachfragt (Benzin/Diesel/Kerosin).
Das ist der Kern: Schweröl ist nicht automatisch wertlos – aber es ist nicht die einfache, schnelle Antwort auf die Frage nach mehr Benzin und Diesel.
Viele Menschen denken bei „Öl“ an ein Rohprodukt, das sich in der Raffinerie beliebig in Benzin verwandeln lässt. In der Praxis hängt das Ergebnis stark von der Raffinerie-Konfiguration ab. Leichte, süße Ölsorten (wie viele Qualitäten aus den USA) lassen sich in Standardanlagen einfacher zu hochwertigen Produkten verarbeiten. Schweröl dagegen benötigt häufig komplexe Schritte, um die schweren Bestandteile aufzubrechen und zu „veredeln“. Das Ergebnis: Nicht jede Raffinerie kann Schweröl effizient verarbeiten. Und selbst wenn sie es kann, ist die Frage, ob es sich unter den aktuellen Marktbedingungen lohnt.
Ein weiterer Flaschenhals ist die begrenzte Zahl an Raffinerien, die Schweröl wirklich gut „verdauen“ können. Solche komplexen Anlagen gibt es zwar – unter anderem in den USA – aber weltweit sind sie nicht beliebig verfügbar. Das ist wichtig, weil es die Absatzmöglichkeiten einschränkt: Selbst wenn Venezuela exportieren könnte, muss es am Ende Käufer geben, die diese Qualität profitabel verarbeiten können.
Schweröl wurde historisch stark in der Schifffahrt genutzt, etwa als schwerer Schiffskraftstoff. Doch genau hier hat sich der Trend verändert: Strengere Umweltauflagen und der Wunsch nach saubereren Kraftstoffen erhöhen den Druck, Schweröl-basierte Lösungen zu reduzieren. Alternativen wie LNG (Flüssiggas) oder auch andere, „konformere“ Kraftstoffoptionen gewinnen an Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund sollte man große Investment-Ankündigungen in Venezuela nüchtern einordnen. Denn Schweröl ist in der Regel:
weniger profitabel in der Förderung,
mit Preisabschlägen im Verkauf verbunden,
und anspruchsvoller in der Weiterverarbeitung.
Das heißt nicht, dass Investitionen unmöglich sind – im Gegenteil: Für Venezuela wären sie wirtschaftlich enorm wichtig.