Fundamentalanalyse

Lektion 5 von 8

Bilanzen verstehen

Bislang können Sie sich mit Ihrer Analyse eines Unternehmens ein allgemeines Bild des Geschäfts verschaffen – wie es geleitet wird und wie gut die Geschäfte laufen. Im letzten Schritt nehmen wir nun die Finanzen des Unternehmens genauer in Augenschein.

Dies kann länger dauern und mühsam sein, aber das ist es auch wert. Jahresabschlüsse können Ihnen eine Menge interessanter quantitativer Daten verschaffen, anhand derer Sie die Stärke des Unternehmens, die Effektivität seiner Strategie und die Erfolgsaussichten für die Zukunft herleiten können.

Auf was sollten Sie in den Jahresabschlüssen achten und wie können Sie die darin enthaltenen Zahlen deuten? In dieser und den folgenden zwei Lektionen betrachten wir einige wichtige Bereiche, die Sie in Ihrer Analyse beachten sollten, und erklären, was sie bedeuten.

Was ist eine Bilanz?

Eine Bilanz ist eine Aufstellung der Vermögenswerte, der Verbindlichkeiten und der finanziellen Mittel des Unternehmens zum Ende eines bestimmten Berichtszeitraums. In der Regel enthält sie folgende Punkte:

Aktiva

  • Zahlungsmittel: die liquidesten Vermögenswerte, zu denen auch staatliche Schuldverschreibungen gehören
  • Börsenfähige Wertpapiere: Aktienwerte und Schuldtitel, die auf einem liquiden Markt gehandelt werden können
  • Langfristige Wertpapiere: Wertpapiere, die nicht sofort abgewickelt werden können
  • Vorräte: zur Veräusserung verfügbare Waren, normalerweise zu deren Kosten oder zum Marktpreis bewertet, je nachdem, was niedriger ist
  • Forderungen: Geld, das dem Unternehmen von Kunden geschuldet wird, unter Berücksichtigung, dass manche Gelder nicht bezahlt werden
  • Anlagevermögen: dazu gehören Grundstücke, Ausstattung und Maschinen
  • Immaterielle Vermögensgegenstande: nicht physische Vermögenswerte, z. B. geistiges Eigentum

Verbindlichkeiten

  • Langfristige Verbindlichkeiten: Zinsen und Tilgungen für vom Unternehmen ausgegebene Unternehmensanleihen
  • Verbindlichkeiten aus Steuern: Steuern, die bezahlt werden müssen, jedoch nicht sofort
  • Pensionskassen: Rückstellungen für Pensionen der Mitarbeiter

Eigenkapital

  • Aktien: die gleichen Teile, in die das Kapital des Unternehmens aufgeteilt ist. Die Eigentümer der Aktien haben Anspruch auf einen Teil des vom Unternehmen erzielten Gewinns
  • Gewinnrücklagen: Einnahmen, die anschliessend wieder in das Geschäft investiert oder zum Begleichen von Unternehmensschulden eingesetzt werden
  • Eigene Aktien: für einen späteren Zeitpunkt zurückgestellte Aktien, falls das Unternehmen Mittel aufbringen muss. Dies kann sich auch auf Aktien beziehen, die das Unternehmen zurückgekauft hat

Eine Bilanz lässt sich am besten deuten, wenn sie mit Versionen früherer Jahre verglichen wird, um zu erkennen, wie sich die Zahlen im Laufe der Zeit verändert haben. Sie sollten sie auch mit den Bilanzen ähnlicher Unternehmen aus der gleichen Branche vergleichen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was der Standard ist.

Aus einer Bilanz können Sie einige hilfreiche Kennzahlen ableiten, z. B. der beliebte Verschuldungsgrad. Dieser bemisst den finanziellen Hebel eines Unternehmens. Um ihn zu berechnen, müssen Sie die Verbindlichkeiten des Unternehmens durch das Eigenkapital teilen.

Übung

Stellen Sie sich vor, Sie analysieren den Jahresabschluss der Ölgesellschaft B. In der neuesten Bilanz sind folgende Zahlen aufgeführt (vereinfachte Darstellung zwecks Übersichtlichkeit):

Wie berechnen Sie den finanziellen Hebel des Unternehmens?
  • a 261,8 Mio. € ÷ 164,6 Mio. € = 1,5905 (159,05 %)
  • b 261,8 Mio. € ÷ 97,2 Mio. € = 2,6934 (269,34 %)
  • c 164,6 Mio. € ÷ 97,2 Mio. € = 1,6934 (169,34 %)

Richtig

Falsch

Teilen Sie die Summe der Verbindlichkeiten durch das Eigenkapital, um den Verschuldungsgrad zu berechnen. Ein Verschuldungsgrad von etwa 20 % gilt als niedrig, wohingegen ein Betrag von mehr als 100 % hoch ist. Demzufolge hat die Ölgesellschaft B einen beträchtlichen Schuldenberg.
Prüfen

Übung

Jetzt nehmen wir einmal an, Sie haben herausgefunden, dass der Verschuldungsgrad der Ölgesellschaft B um einiges höher ist als der ihrer Mitbewerber.

Was könnte das über die Unternehmensstrategie aussagen?
  • a Ein aggressiver Ansatz, verbunden mit einem höheren Risiko
  • b Ein vorsichtiger Ansatz, verbunden mit einem geringeren Risiko

Richtig

Falsch

Ein höherer Grad könnte darauf hindeuten, dass das Unternehmen derzeit ehrgeizige Wachstumspläne finanziert. Wenn sich diese erfüllen, könnten Aktionäre den Lohn ernten. In der Zwischenzeit hat das Unternehmen allerdings einen höheren Zinsaufwand und ist einem höheren Risiko ausgesetzt, sodass das Unternehmen eventuell auch scheitert und das Geschäft aufgeben muss.
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Zusammenfassung

  • Eine Bilanz ist eine Aufstellung der Vermögenswerte, der Verbindlichkeiten und der finanziellen Mittel eines Unternehmens zum Ende eines bestimmten Berichtszeitraums.
  • Aus der Bilanz können Sie hilfreiche Kennzahlen ableiten, z. B. den Verschuldungsgrad, der den finanziellen Hebel misst.
  • Um den Verschuldungsgrad zu berechnen, müssen Sie die Verbindlichkeiten des Unternehmens durch das Eigenkapital teilen.
  • Ein hoher Verschuldungsgrad deutet auf eine aggressive Strategie mit einem potenziell höheren Risiko hin.
Lektion abgeschlossen